Was qualifiziert Führungskräfte – fachliche Kompetenz oder Erfahrung? In der Realität erleben vor allem junge Menschen mit Führungsverantwortung, dass sie stark über ihr Alter und weniger über ihre Leistungen und Entscheidungen auf ebenjener Position definiert werden. Diese erfahrungsbasierte Evidenz haben Dr. Christoph Daldrop, Postdoktorand am Institut für Betriebswirtschaftslehre der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU), Prof. Dr. Astrid C. Homan von der Faculty of Social and Behavioural Sciences der Universität Amsterdam und Prof. Dr. Claudia Buengeler vom Institut für Betriebswirtschaftslehre der CAU, in einer kürzlich veröffentlichten Studie eine wissenschaftliche Basis gegeben. „Wir wollten vor allem den zugrunde liegenden Mechanismus erklären: Warum passiert das, wie passiert das. Der zweite Punkt ist, dass wir zeigen wollten, dass es nicht für alle gleich ist. Also wer wen abwertet“, umreißt Dr. Daldrop, der selbst erst 2024 von der Akademie der Wissenschaften in Hamburg in das Young Academy Fellows-Programm für herausragende junge Forschende aus Norddeutschland aufgenommen wurde, das Ziel der Studie.
Neue Studie über Journalismus: In den vergangenen 20 Jahren hat sich der Stil von Online-Überschriften in digitalen Medien stark verändert.
Clickbait zählt: Überschriften sind länger und negativer geworden. Um Aufmerksamkeit zu erzeugen, sind sie besonders klickträchtig formuliert.
Großer Datensatz: Diese Entwicklung lässt sich unabhängig von der journalistischen Qualität der Medien beobachten. Ausgewertet wurden 40 Millionen Online-Nachrichten im englisch-sprachigen Raum.
Online-Schlagzeilen sind in den vergangenen 20 Jahren nicht nur länger geworden, sondern auch negativer und zunehmend auf Klickzahlen ausgerichtet – und das unabhängig von der journalistischen Qualität. Zu diesem Ergebnis kommen Forscher des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, die rund 40 Millionen Schlagzeilen englischsprachiger Nachrichtenseiten aus den letzten zwei Jahrzehnten ausgewertet haben.
Die Forscher vergleichen das Internet mit einem riesigen Marktplatz, auf dem Journalistinnen und Journalisten mit ihren Schlagzeilen um die Aufmerksamkeit der Leserschaft konkurrieren. Diese Aufmerksamkeit ist ein kostbares Gut, denn im digitalen Zeitalter können Inhalte so günstig wie nie produziert werden– ein Überangebot und starke Konkurrenz von Inhalten ist die Folge. Um durchzudringen, kommt der Überschrift eine entscheidende Funktion zu. Sie muss Aufmerksamkeit erzeugen und Neugier wecken.
Anders als bei Print-Schlagzeilen lässt sich der Erfolg jeder einzelnen Überschrift im Internet messen, denn dort kann man sehen, wie viele Klicks sie erhalten hat. Das führt nach Ansicht der Wissenschaftler dazu, dass Online-Schlagzeilen so formuliert werden, um möglichst viele Klicks zu generieren (sogenanntes Clickbait). „Unsere Analyse zeigt, dass sich die Sprache von Online-Schlagzeilen über die Jahre hinweg systematisch verändert hat“, erklärt Erstautor Pietro Nickl, Doktorand am Forschungsbereich Adaptive Rationalität des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. „Viele dieser Veränderungen deuten auf eine Anpassung an die Anforderungen und Möglichkeiten des digitalen Umfelds hin.“
Online-Überschriften haben sich in den letzten 20 Jahren stark gewandelt
Im Zentrum der Analyse standen die sprachlichen und strukturellen Veränderungen von Schlagzeilen seit dem Jahr 2000. Diese weisen nicht auf bloße Änderungen in redaktioneller Praxis hin, sondern auch auf die wachsende Bedeutung der Schlagzeile als zentrales Element im digitalen Wettbewerb um Aufmerksamkeit. Anders als im Print-Journalismus, wo Überschriften vor allem informativ und platzsparend sein mussten, werden sie online gezielt genutzt, um Klicks zu generieren. Charakteristisch für Clickbait-Schlagzeilen ist ihre Länge: Sie sind in konversationellem Ton gehalten und dienen dazu, Neugierde zu wecken, ohne selbst viele Information preiszugeben.
Tatsächlich stellten die Forscher fest, dass die durchschnittliche Länge der Schlagzeilen kontinuierlich zunahm. Gleichzeitig wurde ein verstärkter Einsatz sprachlicher Mittel festgestellt, die typischerweise mit Clickbait assoziiert werden. Dazu zählen etwa aktive Verben, der Einsatz von Pronomen wie „ich“, „du“ oder „sie“ sowie der häufigere Gebrauch von Fragewörtern („wie“, „was“, „warum“). Diese Elemente wecken Neugier, indem sie eine Informationslücke schaffen – ein psychologischer Mechanismus, der Leserinnen und Leser zum Klicken anregen soll.
Ein weiterer markanter Befund betrifft die Satzstruktur. Während in den frühen 2000er-Jahren sogenannte Nominalsätze – zum Beispiel „Erdbeben in Myanmar“– gängig waren, traten in späteren Jahren vermehrt vollständige Sätze auf. Diese sind dynamischer und emotionaler, oft narrativ aufgebaut, und zielen stärker auf eine emotionale Ansprache ab. Ebenfalls auffällig war die Entwicklung der emotionalen Tonalität. Die Sentiment-Analyse ergab, dass Schlagzeilen im Durchschnitt negativer geworden sind – unabhängig davon, ob es sich um hochqualitativen oder boulevardesken Journalismus handelt. Interessanterweise nutzten rechtsgerichtete Medienhäuser im Mittel deutlich häufiger negativ konnotierte Überschriften als linke oder politisch neutrale.
Entwicklungen werden durch Algorithmen verstärkt
„Die Veränderungen sind nicht das Ergebnis einzelner redaktioneller Entscheidungen, sondern Ausdruck eines kulturellen Selektionsprozesses. Bestimmte sprachliche Merkmale setzen sich durch, weil sie unter den Bedingungen der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie erfolgreicher sind. Sie werden häufiger verwendet – gegebenenfalls auch ohne, dass sich Produzenten oder Konsumenten dieser Mechanismen bewusst sind“, sagt Pietro Nickl. Das Ganze wird durch Empfehlungsalgorithmen sozialer Medien verstärkt.
Die Studie basiert auf Daten aus vier internationalen Nachrichtenportalen – New York Times, The Guardian, The Times of India und ABC News Australia – sowie dem umfassenden News on the Web-Korpus (NOW), der rund 30 Millionen weitere Schlagzeilen aus verschiedenen Ländern enthält. Ergänzend wurden Daten von Upworthy (als Beispiel für expliziten Clickbait) und von wissenschaftlichen Preprint-Titeln (als Gegenbeispiel) analysiert. In den meisten Variablen wurden die Nachrichtenschlagzeilen den Clickbait-Titeln über die Zeit immer ähnlicher. Die Datenauswertung erfolgte mithilfe moderner Methoden der natürlichen Sprachverarbeitung wie Sentiment-Analyse, syntaktischer Analyse und wörterbuchbasierter Auszählung.
Das Erkennen von manipulativen Inhalten wird immer schwieriger
Die Ergebnisse werfen auch grundlegende gesellschaftliche Fragen auf. Die zunehmende Verbreitung von Clickbait-Elementen in etablierten Medien könnte langfristig das Vertrauen in den Journalismus untergraben und die Unterscheidung zwischen seriösen und manipulativen Inhalten erschweren. Denn viele sprachliche Merkmale, die bislang als Warnsignale für unseriöse Inhalte (wie Clickbait oder manipulative Inhalte) galten – wie starke Emotionalisierung oder der vermehrte Einsatz von Pronomen und Fragewörtern – sind inzwischen auch in Qualitätsmedien verbreitet. „Wenn sich der Stil etablierter Medien denen von problematischen Quellen immer stärker annähert, verschwimmen die Grenzen – und das erschwert auch die Unterscheidung zwischen seriösen und manipulativen Inhalten“, warnt Co-Autor Philipp Lorenz-Spreen, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungsbereich Adaptive Rationalität des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung.
Trotz dieser Entwicklung sehen die Forschenden Handlungsspielräume. Denn die digitale Informationslandschaft ist gestaltbar. Wenn bisherige Erfolgskennzahlen wie Klicks oder Verweildauer Inhalte verzerren, sei es an der Zeit, über alternative Metriken nachzudenken. Erste Plattformen experimentieren bereits mit neuen Ansätzen – etwa durch die Hervorhebung „tief gelesener“ statt nur „meistgeklickter“ Artikel. Auch individuell wählbare Kriterien könnten dazu beitragen, langfristig eine vielfältigere und nachhaltigere Medienlandschaft zu fördern.
Hat die Läuferin ihre Bahn verlassen? Das war doch ein verbotenes Handspiel, oder? Alles ging so schnell. Helfen kann dann ein Videobeweis. Mit Hilfe modernster Videotechnik können in vielen Sportarten Situationen noch einmal angeschaut und Entscheidungen untermauert oder revidiert werden. Das soll zu gerechteren Ergebnissen führen. Doch ist das auch wirklich so? Die FernUni-Psychologin Dr. Laura Sperl befasst sich mit der Wahrnehmung von Zeit.
European School of Management and Technology (ESMT)
In ihrer 60-jährigen Geschichte durchlief die National Aeronautics and Space Administration (NASA) mehrere radikale organisatorische Veränderungen. Eine neue Studie der ESMT Berlin in Zusammenarbeit mit der Warwick Business School zeigt, was Unternehmen aus der Entwicklung der NASA über strategische Agilität lernen können und wie sie ihre Geschäftsmodelle effektiv anpassen, um auf externe Herausforderungen zu reagieren.
Perspektiven auf Verantwortung und Gerechtigkeit in Unternehmen“
Universität Freiburg und Arbeitskulturen-Netzwerk der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde laden zum Auftakt einer Tagung zu einer öffentlichen Podiumsdiskussion am 10.11.2021
Managementakademien bieten Ethikseminare an, Unternehmen verschiedener Branchen werben damit, dass sie mit ihren Produkten einen Beitrag gegen den Klimawandel oder zu einer besseren Gesellschaft leisten. – Das „moralisch Gute“ scheint in Unternehmen so wichtig wie nie zuvor. Doch was bedeutet das Gute für sie im ganz eigenen Wirkungsbereich innerhalb von Unternehmen und in deren Darstellung nach außen? Wie bewerten und realisieren sie dort ethische Ideale?
Unter dem Titel „Gut Arbeiten? Perspektiven auf Verantwortung und Gerechtigkeit in Unternehmen“ diskutieren am 10. November 2021 Vertreter*innen aus Unternehmen, Gewerkschaften, Beratung und Universität das Thema Verantwortung und Gerechtigkeit in Organisationen. Zentrale Aspekte sind zum Beispiel Arbeitsstandards, Einstellungsverfahren, Formen der Außendarstellung, Konflikte und auch historische Entwicklungen.
Diskussionsteilnehmende sind Björn Beckmann (Schwarzwaldmilch), Reiner Geis (verdi), Corinna Kämpfe (Grünhof) sowie weitere Gäste aus Universität und Unternehmensberatung. Organisiert wird das Podium von der Universität Freiburg und dem Arbeitskulturen-Netzwerk der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde. Die Diskussionsrunde findet im Kollegiengebäude der Universität statt und wird parallel dazu gestreamt; alle Interessierten sind herzlich eingeladen.
Das Podium bildet den Auftakt zur Fachtagung „Morality als Organizational Practice“ (11./12. Nov. 2021, online). Hier diskutieren Kulturwissenschaftler*innen ihre aktuellen Forschungen zum Thema. Interessierte sind auch hierzu herzlich eingeladen.
Was: Podiumsdiskussion: „Gut Arbeiten? Perspektiven auf Verantwortung und Gerechtigkeit in Unternehmen“
Wann: Mittwoch, 10. Nov. 2021, 18.15 Uhr
Wo: Universität Freiburg, Platz der Universität 3, Kollegiengebäude I (KG I), Hörsaal 1098 (3G-Regel)
Online-Teilnahme an der Tagung: Anmeldung: arbeitskulturen@gmail.com, Sie erhalten einen Panopto-Link.
Wer: Mit Björn Beckmann (Schwarzwaldmilch Freiburg), Christine Jägle (Personalrat Universität Freiburg), Reiner Geis (verdi-Bezirk Südbaden), Corinna Kämpfe (Grünhof e.V.), Michael Maile (maile & partner / HfWU Nürtingen) und Inga Wilke (Kulturanthropologie Universität Freiburg). Moderation: Sarah May, Stefan Groth.
Veranstalter: Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Deutsche Gesellschaft für Kulturanthropologie und Volkskunde, Universität Zürich
Von untergeordneten Männchen geführte Fischgruppen schneiden besser ab als Gruppen, die von dominanten und aggressiven Männchen geführt werden
Foto von Engin Akyurt von Pexels
Das stärkste, größte und aggressivste Mitglied einer Gruppe ist meist dominant, trifft aber nicht unbedingt alle Entscheidungen. Eine neue Studie über das Verhalten von Fischen zeigt, dass dominante Individuen eine Gruppe zwar durch Gewalt beeinflussen können, passive Individuen eine Gruppe jedoch viel besser zu einem Konsens bringen können. Die Studie eines internationalen Teams des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie, der Universität Konstanz und der University of Texas in Austin widerlegt die Annahmen, dass dominante Individuen den größten Einfluss auf ihre Gruppen haben. Die Ergebnisse zeigen, dass dominante Individuen eine effektive Kommunikation behindern können.
Innerhalb einer Gruppe besonders stark, groß und aggressiv aufzutreten, mag die Dominanz fördern. Dominante Individuen treffen aber nicht zwangsläufig alle Entscheidungen. Eine neue Studie zum Verhalten von Fischen zeigt, dass dominante Individuen eine Gruppe zwar gewaltsam beeinflussen können, passive Individuen einer Gruppe jedoch viel erfolgreicher bei der Herbeiführung eines Konsens agieren. Die Studie, die von einem internationalen Forschungsteam des Konstanzer Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie, der Universität Konstanz und der University of Texas in Austin veröffentlicht wurde, widerlegt die Annahme, dass dominante Individuen den größten Einfluss auf ihre Gruppen ausüben.
Die Studie liefert zudem neue Erkenntnisse dazu, wie dominante Individuen die effektive Kommunikation innerhalb von Organisationen behindern können. „Dieselben Eigenschaften, die Macht verleihen können, führen unter Umständen dazu, dass sich dieser Einfluss verringert – insbesondere dort, wo Individuen frei wählen können, wem sie folgen möchten“, erklärt Alex Jordan, Hauptautor der Studie und Gruppenleiter am Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie sowie am Exzellenzcluster „Centre for the Advanced Study of Collective Behaviour“ der Universität Konstanz und des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie.
Dominante Individuen können der Gruppe durch besondere Aufdringlichkeit ihren Willen aufzwingen. Genau das macht sie aber auch sozial abstoßend. „Wenn es darum geht, unter Gleichgestellten und in Hinblick auf anspruchsvollere Aufgaben einen Konsens herbeizuführen, sind es die am wenigsten aggressiven Individuen, die den größten Einfluss ausüben. Unsere Ergebnisse veranschaulichen, dass dominante Individuen zwar am häufigsten Machtpositionen erlangen, gleichzeitig jedoch die am wenigsten wirksamen Einflussstrukturen erzeugen“, so Jordan.
Dominanz von Einfluss trennen
Um die Auswirkungen von Dominanz und Einfluss zu entwirren, untersuchten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Gruppen einer sozialen Buntbarschart, Astatotilpia burtoni. „Diese Spezies bildet Gruppen mit strengen sozialen Hierarchien, in denen dominante Männchen Ressourcen, Territorium und Raum kontrollieren“, sagt Mariana Rodriguez-Santiago, Miterstautorin der Studie und Doktorandin im Labor des Co-Korrespondenzautors Hans Hofmann an der UT Austin. „Wir haben uns gefragt, ob die aggressiven, dominanten Männchen eine zentrale Rolle in ihren sozialen Netzwerken spielen und die Ressourcen kontrollieren, auch am einflussreichsten sind. Oder ob untergeordnete Männchen den größten Einfluss ausüben, obwohl sie passiv und nicht territorial sind und wenig oder gar keine Kontrolle über die Ressourcen haben.“
Die Forschenden trennten die Auswirkungen sozialer Dominanz von sozialer Einflussnahme, indem sie untersuchten, wie bei routinemäßigem Sozialverhalten oder einer komplexeren sozialen Lernaufgabe Informationen zwischen dominanten oder untergeordneten Männchen und ihren Gruppen ausgetauscht wurden. Bei der komplexeren sozialen Lernaufgabe wurden dominante oder untergeordnete männliche Fische darauf trainiert, ein farbiges Licht auf der einen Seite des Beckens mit der Gabe von Futter in Verbindung zu bringen. Diese „eingeweihten“ Individuen wurden im Anschluss neuen Gruppen mit Individuen zugeteilt, die diese Konditionierung nicht durchlaufen hatten. Anschließend untersuchten die Forschenden, welche Gruppe – die mit den eingeweihten dominanten oder untergeordneten Männchen – schneller lernte, ein farbiges Licht mit Futter in Verbindung zu bringen.
Preis der Dominanz
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beobachteten die Bewegung der Fische und stellten fest, dass bei routinemäßigen sozialen Interaktionen die dominanten Männchen den größten Einfluss ausübten, indem sie der Gruppe nachstellten und sie herumschubsten. Bei der komplexeren Aufgabe, bei der der Gruppe der Einfluss nicht aufgezwungen wurde, sondern die einzelnen Fische die Wahl hatten, wem sie folgen wollten, waren es jedoch die untergeordnete Männchen, die in ihren sozialen Gruppen den größten Einfluss ausübten. In Gruppen, die von einem untergeordneten Männchen angeführt wurden, kamen die Fische schnell zu einem Einvernehmen darüber, welchem Licht sie folgen sollten, und bewegten sich als Einheit gemeinsam, um die Aufgabe erfolgreich zu bewältigen. Unter der Anleitung eines dominanten Männchens erreichten die Gruppen viel langsamer einen Konsens – wenn überhaupt.
Durch die Verwendung zusätzlicher, auf maschinellem Lernen basierender Trackingmethoden, bei denen modernste, in den Computerwissenschaften entwickelte Techniken zum Einsatz kommen, konnten die Forschenden die unterschiedlichen Verhaltensweisen von dominanten und untergeordneten Männchen entschlüsseln: Dominante Männchen spielten in sozialen Verhaltensnetzwerken die Hauptrolle (sie interagierten häufig mit anderen), besetzten in räumlichen Netzwerken jedoch eher Randpositionen (sie wurden von anderen gemieden). Der Einsatz dieser Technologie ermöglichte somit Erkenntnisse zu den Mechanismen und Ergebnissen der Einflussnahme, die zuvor nicht verfügbar waren.
„Durch die Erfassung von Verhaltensdaten, die mit bloßem Auge nicht messbar sind, konnten unsere automatisierten Trackingverfahren zeigen, dass der Unterschied zwischen Dominanz und Unterordnung nicht in der sozialen Stellung per se begründet war, sondern vielmehr in der Art und Weise, wie sich die entsprechenden Individuen bewegten und mit anderen interagierten“, sagt Co-Erstautor Paul Nührenberg, Doktorand am Exzellenzcluster „Centre for the Advanced Study of Collective Behaviour“ der Universität Konstanz. „Unterschiede beim Verhalten führen in direkter Linie zu Unterschieden beim sozialen Einfluss.“
Dieses Ergebnis ist für unser Verständnis von der Entwicklung von Tiergesellschaften ebenso relevant wie für unser Verständnis von Führungsstrukturen in Organisationen. „In vielen Gesellschaften, ob tierisch oder menschlich, weisen Individuen in Machtpositionen ähnliche Merkmale bzw. Verhaltensweisen auf, nämlich Aggression, Einschüchterung und Nötigung“, sagt Jordan. „Eine effektive Kommunikation erfordert jedoch die Einbeziehung vieler Stimmen, nicht nur der lautesten. Unsere Erkenntnisse aus einem natürlichen System zeigen, dass alternative Wege zur Macht durchaus dabei helfen könnten, stärkere Beratungs-, Regierungs- und Bildungsstrukturen zu schaffen.“
Betrachtet man, wie sich einzelne Menschen oder auch verschiedene Gesellschaften in der Krise verhalten, treten plötzlich erstaunliche Gemeinsamkeiten und Unterschiede zutage. Peter van der Veer, Direktor am Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften befasst sich seit langem mit asiatischen Kulturen. In seinem Essay vergleicht er, wie man in Asien und in der westlichen Welt mit Gesichtsmasken, Toilettenpapier und der Angst vor dem Tod umgeht.
In Indien und China haben Atemtechniken in spirituellen Praktiken wie Yoga und Qi Gong eine lange Geschichte. In der hinduistischen, daoistischen und buddhistischen Tradition ist die Steuerung der Atmung nicht nur von grundlegender Bedeutung für das Leben, sondern auch für das spirituelle Wachstum. Dieser Gedanke findet sich auch in islamischen und christlichen Traditionen wieder. Heute erleben wir, wie die globale Ausbreitung eines Virus unsere Fähigkeit zu Atmen angreift. Keine spirituelle Atemtechnik kann uns helfen, in dieser Krise die Kontrolle über unsere Atmung zu bewahren. Man ist gezwungen, sich Beatmungsapparaten anzuvertrauen, solange man gegen das Virus kämpft.
Das Coronavirus ist ein Angriff auf den Körper, sowohl auf den Körper jedes einzelnen als auch auf den Staatskörper. Die Medien haben vor allem letzteren im Blick. Daher möchte ich hier die Rolle des menschlichen Körpers sowie dessen kulturelle Bedeutung während der Pandemie thematisieren. Plötzlich sind wir uns bewusst, wie häufig wir uns im Gesicht berühren und wie selten wir uns doch die Hände waschen. Auch die für Großstädter typische Erfahrung, dicht gedrängt zusammenzuleben, wandelt sich: Man weicht sich aus und geht auf Distanz zu seinen Mitmenschen. Diese Disziplinierung des Körpers ruft starke Emotionen bei uns hervor, die eine genauere Analyse verdienen.
Besonders aufgefallen sind mir zwei erstaunliche Phänomene: Da ist zum einen das Tragen von Gesichtsmasken. Während Bevölkerungen in Ost- und Südostasien offenbar keinesfalls mit Widerwillen ihr Gesicht bedecken, zeigen sich westliche Gesellschaften sehr skeptisch. In manchen westlichen Ländern dreht sich die Debatte vor allem um scheinbar nüchterne Fragen wie um die Wirksamkeit von Gesichtsmasken, ihre Anwendbarkeit bei Kindern oder Menschen mit Behinderungen oder einfach um ihre Verfügbarkeit.
Die Maske als Sinnbild kollektiven Gehorsams
Hinter diesen rationalen Diskussionen steckt ein latentes Unbehagen gegenüber dem Verbergen unseres Gesichts und, damit verbunden, unserer Individualität. Es gibt Ängste, dass sich die Gesellschaft in eine gesichtslose Masse verwandeln könnte. Das wird verstärkt durch die Befürchtung, die Kontrolle über den eigenen Körper zu verlieren, gerade wenn staatliche Behörden solche Verhaltensrestriktionen anordnen. Die Maske wird so zu einem Sinnbild des kollektiven Gehorsams gegenüber einer äußeren Instanz. Schon früher zeigten sich ähnliche emotionale Reaktionen gegen die Verschleierung muslimischer Frauen und andere islamische Bekleidungsregeln. Gesicht zu zeigen, scheint eine unabdingbare Voraussetzung zu sein für die wahre Teilhabe am Leben in westlichen Gesellschaften.
In Ostasien wird diese Einstellung nicht geteilt. Japan ist in vielerlei Hinsicht Vorreiter der asiatischen Moderne. Infolge der sogenannten Spanischen Grippe in den 1920er-Jahren (die ihren Ursprung in Wirklichkeit in den USA und nicht in Spanien hatte) fand die Gesichtsmaske in Japan allgemeine Akzeptanz. Überhaupt gehen Japaner in der täglichen Hygiene sehr methodisch vor. Regelmäßiges Händewaschen und das Tragen von Handschuhen sind in Japan weit verbreitet. Diese Verhaltensweisen sind auch Ausdruck eines Bürgersinns, der von Rücksicht gegenüber den Mitmenschen geprägt ist.
Chinesen hingegen sagt man nicht gerade nach, dass sie im Alltag großen Wert auf Hygiene legten. So wurden noch bis vor kurzem lebende und frisch geschlachtete Tiere in den vor allem bei älteren Menschen beliebten Märkten auf offener Straße angeboten. Nach den durch SARS 1 und 2 verursachten Pandemien wurden diese Straßenmärkte schnell als Brutstätten für gefährliche Viren identifiziert. Gleichwohl haben sich Gesichtsmasken auch im öffentlichen Leben Chinas durchgesetzt, vor allem als Reaktion auf die zunehmende Luftverschmutzung. Dies gilt auch für andere Länder Südostasiens. Das Gefühl von Gesichtsverlust, das Menschen in den westlichen Ländern beim Tragen einer Maske verspüren, scheint Gesellschaften in Ost- und Südostasien weniger zu stören – gegenläufig zu dem verbreiteten Vorurteil, Asiaten seien darauf bedacht, ihr „Gesicht zu wahren“.
Die Toilette ist der Grenzbereich zwischen Kultur und Natur
Die andere körperbezogene Reaktion auf die virale Bedrohung, die mich beschäftigt, ist die starke Nachfrage nach Toilettenpapier bei Deutschen und Niederländern. Warum wird Toilettenpapier als eine solch absolute Notwendigkeit empfunden? Aus anthropologischer Sicht ist die Toilette der Grenzbereich zwischen Kultur und Natur. Solange man Toilettenpapier hat, bewahrt man seine Würde und kann dem Virus trotzen, das uns so stark daran erinnert, dass wir Teil der Natur sind. Die natürliche Verletzlichkeit des Körpers auf der Toilette erfordert Praktiken, die eine zivilisierte Distanz zur Natur schaffen.
Auch hier lassen sich wiederum deutliche Unterschiede zu asiatischen Gesellschaften beobachten. In vielen Teilen Asiens reinigt man sich lieber mit Wasser; und auch hier sind die Japaner mit ihren spektakulären Toilettensystemen in der gegenwärtigen Kultur führend. Auf indischen Toiletten hingegen findet man oft nur einen kleinen Topf mit Wasser. Die linke Hand wird auf der Toilette benutzt, die rechte beim Essen. Dabei reinigen Angehörige höherer Kasten kaum ihre Toiletten selbst, sondern greifen auf Dienste unterer Kasten zurück. Ein wichtiger Aspekt der sozialen Reformen Gandhis bestand im Aufruf, dass jeder selbst seine Toilette reinigen sollte. Im ländlichen Raum Chinas ist Toilettenpapier rar, während in den chinesischen Städten das Abwassersystem oft damit überfordert ist. Nur in Hong Kong war während der Pandemie eine große Nachfrage nach Toilettenpapier zu beobachten, vielleicht auch um zu zeigen, dass Hong Kong zum westlichen Kulturraum gehört.
Die drastischste körperliche Reaktion auf das Virus ist letztlich der Tod, das Ende der körperlichen Existenz. Hier haben die Gesellschaften Asiens und des Westens etwas gemeinsam. In mehrerlei Hinsicht wird der Tod hier wie dort verleugnet. Er ist ein Thema, das gemieden, das in Krankenhäuser und auf Friedhöfe verlagert wird. Obwohl der Tod alltäglich ist, habe ich es bis dato nicht erlebt, dass jeden Tag die Zahl der Sterbefälle veröffentlicht wird. In Holland fällt mir auf, wie profan die Reaktionen auf die unvermeidliche Sterblichkeit der Menschen ausfallen. Es besteht vor allem die Sorge, mehr noch die Angst, alleine zu sterben, ohne Familie und Freunde; aber ich habe keine religiösen Reaktionen beobachtet. Dabei fallen der Tod und die Trauer um die Toten eigentlich seit jeher in den Bereich der Religionen. Nur mittels wissenschaftlicher Befragungen und teilnehmender Beobachtungen von Betroffenen, können wir herausfinden, wie die Reaktionen in Asien waren. Doch solche Feldforschung ist uns in diesen Zeiten der Abgrenzung nur schwer möglich.
Dieses Essay ist die gekürzte Version des Blogbeitrags „Global Breathing“, der am 24. April 2020 auf der Webseite des Max-Planck-Institut zur Erforschung multireligiöser und multiethnischer Gesellschaften erschienen ist. Aus dem Englischen von Eva Völker.
Die sozialen Kontakte vieler Menschen sind drastisch reduziert.
In vielen Ländern herrschen seit Wochen Kontaktsperren. In der Folge sind die sozialen Kontakte vieler Menschen drastisch reduziert. Roman Wittig vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig untersucht, wie sich Sozialkontakte auf die Gesundheit von Schimpansen auswirken. Einige seiner Erkenntnisse lassen sich durchaus auf den Menschen übertragen. Im Interview erklärt der Wissenschaftler, warum er statt von „sozialer“ lieber von „räumlicher Distanz“ spricht und dass virtuelle reale Treffen zu einem gewissen Grad ersetzen können.
Herr Wittig, wie wichtig sind regelmäßige soziale Kontakte für die Gesundheit von Schimpansen und Menschen?
Wittig: Sehr wichtig. In mehreren Studien konnten wir zeigen, dass Schimpansen ohne enge Freunde anfälliger für Krankheiten sind. Und Julianna Holt-Lunstad kam 2010 nach Auswertung hunderter Studien zu dem Ergebnis, Einsamkeit und ein Mangel an Freundschaften und sozialen Beziehungen habe einen stärkeren negativen Effekt auf die Gesundheit als klassische Risikofaktoren wie Übergewicht, Rauchen oder Alkohol. Die positive Wirkung von Sozialkontakten sind sogar stärker als die negativen Folgen gesundheitlicher Risikofaktoren. Überspitzt könnte man also sagen: Anstatt mit dem Rauchen aufzuhören, sollten die Menschen lieber mit ihren Freunden rauchen (lacht). Aber Scherz beiseite. Was die Studie wirklich zeigt ist: Einsamkeit und soziale Isolation sind weit unterschätzte Risikofaktoren für Gesundheit und Lebenserwartung, die dem des Rauchens ebenbürtig ist.
In Zeiten von „Social Distancing“ fällt dies aber gerade nicht leicht…
Zunächst einmal möchte ich eines festhalten: Den Begriff „Social Distancing“ finde ich schlicht falsch – wir sollten lieber von „Spatial Distancing“ sprechen. Räumlich müssen und sollten wir zwei Meter Abstand halten. Aber „socially“ müssten wir im Moment doch besonders eng sein und uns gegenseitig unterstützen, schließlich befinden wir uns aufgrund der Pandemie in einer permanenten Stresssituation: Unser komplettes Leben wird umgekrempelt, plötzlich ist alles anders. Genau jetzt müssten wir uns also noch viel näher sein, ich plädiere hier für „Social Closure“. Glücklicherweise gibt es mittlerweile die Technik, um trotz alledem seine Freunde oder Familie sehen zu können.
Aber es ist doch nicht das gleiche, wenn ich mit Freunden per Videotelefonie kommuniziere, statt sie tatsächlich zu treffen…
Nun, das gleiche ist es natürlich nicht. Vieles lässt sich per Telefon aber ganz gut kompensieren. Lassen Sie mich dazu auf eine Studie der Wissenschaftlerin Leslie Seltzer von der University of Wisconsin-Madison aus dem Jahre 2010 hinweisen. Dabei mussten jugendliche Mädchen den sogenannten Trier-Test absolvieren. Die Probanden wurden dazu aufgefordert, spontan einen Vortrag von einer großen Menschenmenge zu halten. Ohne Möglichkeit, sich vorzubereiten. Ich schätze jeder, der sich an seine Schulzeit zurückerinnert, ahnt, was das bedeutet.
Stress!
Richtig. Die Mädchen befanden sich plötzlich in einer extremen Stresssituation. Die Werte des Stresshormons Kortisol stiegen rasant an, die komplette Stresskaskade inklusive erhöhtem Blutdruck und gesteigerter Herzfrequenz nahm ihren Lauf. Anschließend wurden die Jugendlichen in drei Gruppen eingeteilt. Die Teilnehmer der ersten Gruppe konnten unmittelbar danach ihre Mutter in die Arme schließen, die zweiten durften immerhin mit der Mutter telefonieren und die letzten konnten alleine in einem Zimmer fernsehen. Danach wurde bei allen Probandinnen und Probanden die Konzentration von Kortisol und Oxytocin gemessen. Bei denjenigen, die vor dem Fernseher saßen, war der Kortisol-Wert auch Stunden später noch relativ hoch, während die Konzentration des „Bindungs-verstärkenden“ Oxytocins kaum gestiegen war. Die Bestätigung oder Verstärkung einer Freundschaft oder familiären Bindung ist bei uns oftmals mit einem Glücksgefühl verbunden.
Fernsehen macht also nicht glücklich. Wie sah es bei den anderen beiden Gruppen aus?
Dort zeigte sich das umgekehrte Bild. Bei Teilnehmern, die nach dem Vortrag ihre Mutter in die Arme schließen durften, fiel der Kortisolspiegel rapide ab, gleichzeitig wurde massig Oxytocin ausgeschüttet. Interessanterweise passierte praktisch das gleiche bei denjenigen, die lediglich mit ihrer Mutter telefonieren durften. Die Forschenden um Seltzer konnten nur geringfügige Unterschiede zwischen beiden Versuchsgruppen feststellen. Die Quintessenz lautet also: Gewisse Konzepte von Nähe können auch über Telefon oder Skype bedient werden und kann uns ähnlich glücklich machen wie reale Treffen.
Eine Studie von Ihnen zeigt, dass bei Schimpansen Oxytocin und das Teilen von Nahrung zusammenhängen. Inwiefern trifft das auf uns Menschen zu – machen Hamsterkäufe glücklich?
Tatsächlich haben wir herausgefunden, dass Schimpansen, nachdem sie mit anderen Futter geteilt haben, einen erhöhten Oxytocin-Wert aufweisen. Das kann man aber nicht mit Hamsterkäufen vergleichen, denn für die Schimpansen geht es beim Teilen darum dem anderen etwas zu geben und somit, beispielsweise, Freundschaften zu schließen. Bei Schimpansen scheint Liebe genauso durch den Magen zu gehen wie bei uns. Bei den Hamsterkäufen dagegen spielen Angst und Ungewissheit eine große Rolle, jeder denkt nur an sich selbst.
Forschende des Projekts „PRÄGEWELT“ untersuchen, wie sich Open-Space-Büros auf Wohlbefinden und Arbeit auswirken
Aufgenommen in Rotterdam im ehemaligen Shell Hochhaus.
Wenn derzeit Bürogebäude umgebaut oder neu errichtet werden, entstehen immer öfter sogenannte Open-Space-Arbeitswelten. Das sind durchgängige Büros mit verschiedenen Raumzonen oder Räumen, die für unterschiedliche Anforderungen wie konzentriertes Arbeiten, Besprechungen oder als Rückzugorte genutzt werden können. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vom Verbundprojekt „PRÄGEWELT“, an dem neben der Albert-Ludwigs-Universität auch das Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung e.V. München (ISF München) und die beiden Unternehmen RBS München und AECOM München beteiligt sind, haben untersucht, wie sich dieses Bürokonzept auf Wohlbefinden und Arbeit der dort Arbeitenden auswirkt. „In unserer Online-Befragung zeigte sich, dass eine knappe Mehrheit mit der neuen Arbeitsumgebung zufrieden oder sogar sehr zufrieden ist. Die allermeisten Befragten sehen jedoch sowohl Vor- als auch Nachteile“, sagt Wirtschaftspsychologin Cathrin Becker von der Universität Freiburg. Ein Viertel der Befragten sei hingegen sehr unzufrieden. Für die Analyse haben Forschende aus den Fachgebieten Soziologie, Psychologie und Architektur zusammengearbeitet und in acht Betrieben, in denen es bereits Open-Space-Büros gibt, Fallstudien durchgeführt.
Ziel war es, auf dieser Basis Ansätze für eine gesundheitsförderliche
Gestaltung von Open-Space-Büros zu entwickeln und herauszufinden,
welche Faktoren die Zufriedenheit der Beschäftigten beeinflussen. Dazu
führten die Wissenschaftler Expertengespräche und Intensivinterviews,
Beobachtungen und erhoben anhand einer quantitativen Online-Befragung
unterschiedliche Daten unter anderem zu den Arbeitsbedingungen, der
Raumbewertung und -nutzung. Aus Sicht der Forschenden wird das
betriebliche Büro wegen der zunehmenden Digitalisierung dennoch nicht an
Bedeutung verlieren, sondern „als so genannter Hub, in den alle immer
wieder zurückkehren, sozusagen als soziale Heimat weiterhin genutzt
werden“, erläutert Becker. 62,5 Prozent der Befragten haben angegeben,
dass für ihre Tätigkeit in den nächsten zehn Jahren weiterhin ein
Büroarbeitsplatz bei ihrem Arbeitgeber notwendig sein wird. „Dieses
betriebliche Büro wird dann eher ein Open-Space-Büro sein, trotz
Nachteilen und Belastungen“, ergänzt Dr. Nick Kratzer vom ISF München.
Denn trotz der geäußerten Zufriedenheit hat das Konzept Vor- und
Nachteile, die in Form dreier Spannungsfelder von den Beschäftigten als
belastend und herausfordernd erlebt werden: Zum einen soll das
Open-Space-Büro Kooperation fördern, gleichzeitig aber auch
konzentriertes Arbeiten ermöglichen. Des Weiteren soll es Offenheit
durch Transparenz und Sichtbarkeit bieten, muss aber auch
Vertraulichkeit erlauben. Und letztlich soll es Flexibilität
gewährleisten, muss aber auch Optionen für Individualität beinhalten. Um
die Idee des Open-Space-Büros weithin erfolgreich auch in Hinblick auf
Gesundheit und Arbeitsleistung etablieren zu können, braucht es aus
Sicht der Forschenden die nötigen Ressourcen und Optionen: von der
individuellen Fähigkeit, sich zu konzentrieren oder lieber abzuschotten,
über Ressourcen wie Trennwände und Kopfhörer sowie unterschiedliche
Raumoptionen. Dazu gehören Rückzugsräume und Telefonboxen ebenso wie die
Möglichkeit, ins Home Office zu gehen. „Der Umgang mit dem Konzept ist
nicht allein eine Frage des Verhaltens oder von Regeln, sondern es
müssen bestimmte Lernprozesse zielgerichtet von organisatorischer Seite
unterstützt werden“, fügt die Wirtschaftspsychologin von der Universität
Freiburg hinzu.
Die Abkürzung PRÄGEWELT steht für „Präventionsorientierte Gestaltung
neuer Open-Space-Arbeitswelten“ und ist ein vom Bundesministerium für
Bildung und Forschung (BMBF) im Programm „Innovationen für die
Produktion, Dienstleistung und Arbeit von morgen“ gefördertes und vom
Projektträger Karlsruhe (PTKA) betreutes Projekt. Alle Ergebnisse sind
auf www.praegewelt.de zu finden.
Die Bereitschaft, einen Menschen zu opfern, um mehrere zu retten, unterscheidet sich von Land zu Land. Das zeigt eine wissenschaftliche Studie, an der 70.000 Personen in 42 Ländern teilgenommen haben. Ein Forschungsteam rund um Iyad Rahwan, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, untersuchte dabei weltweite Gemeinsamkeiten und Unterschiede in moralischen Entscheidungen.
Ist es in Ordnung, einen Menschen zu opfern, um mehrere Menschen zu
retten? Diese Frage wird seit Jahrzehnten in Philosophie, Ethik und
Rechtswissenschaften anhand eines bekannten moralischen
Gedankenexperiments diskutiert: des Trolley-Problems. Eine Straßenbahn –
auf Englisch „Trolley“ – fährt ungebremst auf fünf im Gleis arbeitende
Menschen zu. Der Weichensteller könnte die Straßenbahn auf ein
Nebengleis umleiten, auf dem nur ein Mensch arbeitet. Soll er den einen
Menschen opfern, um fünf Menschen zu retten?
„Im Zuge der Debatte um autonome Fahrzeuge hat das Trolley-Problem
ein Revival erfahren“, sagt Iyad Rahwan, Direktor des Forschungsbereichs
Mensch und Maschine am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und
erläutert: „Wie sollen selbstfahrende Fahrzeuge sich verhalten, wenn ein
Unfall nicht zu verhindern ist? Soll das Fahrzeug einer Menschengruppe
ausweichen und dabei den Insassen des Autos opfern? Universelle
Grundätze, an die sich Ingenieurinnen und Programmierer von autonomen
Fahrzeugen halten könnten, gibt es nicht.“
Die groß angelegte Moral-Machine-Umfrage, die Iyad Rahwan 2017 mit
seinem Team am Massachusetts Institute of Technology durchgeführt hat,
zeigte darüber hinaus, dass Menschen je nach Kulturkreis autonome
Fahrzeuge in solchen Situation unterschiedlich programmieren würden.
Während sich frühere Studien auf Unfälle von autonomen Fahrzeugen
konzentrierten, hat sich Iyad Rahwan mit seinem Team nun mit den
klassischen Versionen des Trolley-Problems beschäftigt. Das ist wichtig,
da das Trolley-Problem in der Philosophie und Psychologie viel besser
verstanden wird. Dazu hat das Forschungsteam die Entscheidungen zu drei
Varianten des Trolley-Problems von 70.000 Testpersonen aus 42 Ländern
analysiert.
Unterschied zwischen In-Kauf-nehmen und Instrumentalisieren
Im ersten Szenario, dem klassischen Trolley-Problem, konnten die
Teilnehmenden die Weiche umstellen und den Waggon auf ein Nebengleis
lenken. Ein dort arbeitender Mensch stirbt, fünf Menschen auf dem
Hauptgleis sind gerettet.
Im zweiten Szenario macht das Nebengleis eine Schleife zum Hauptgleis
zurück, auf dem fünf Menschen arbeiten. Das Umstellen der Weiche führt
zum Tod des auf dem Nebengleis arbeitenden Menschen. Sein Körper
verhindert jedoch, dass der Waggon auf das Hauptgleis zurückrollt. Im
Unterschied zum ersten Szenario wird der Tod des einzelnen Menschen
nicht nur in Kauf genommen, sondern ist notwendig, um die anderen fünf
zu retten.
Im dritten Szenario kann ein großer Mann von einer Fußgängerbrücke
auf die Schienen gestoßen werden, wobei sein Körper den Waggon aufhält
und fünf andere Menschen rettet. Auch hier wird der Tod des einzelnen
Menschen nicht nur in Kauf genommen, sondern ist notwendig, um das Leben
der anderen zu retten.
Vergleicht man die drei Situationen, würden in allen Ländern ein
größerer Teil der Befragten einen Menschen im ersten Szenario opfern als
im zweiten und am wenigsten im dritten. Die Bereitschaft den Tod eines
Menschen in Kauf zu nehmen, um andere zu retten, ist weltweit größer,
als den Tod eines Menschen zu instrumentalisieren, wie es im zweiten und
dritten Szenario der Fall ist.
Abweichungen zwischen westlichen und asiatischen Ländern
Unterschiede zwischen den Ländern gab es jedoch in der generellen
Bereitschaft, Menschen zu opfern. Im ersten Szenario würden es
beispielsweise 82 Prozent der Deutschen billigen, den einzelnen Menschen
zu opfern, in den meisten westlichen Ländern sind die Werte ähnlich.
Lediglich in einigen ostasiatischen Ländern ist das Ausmaß der
Bereitschaft, einen Menschen für das Leben mehrerer zu opfern,
auffallend geringer. In China beispielsweise billigen nur 58 Prozent,
die Weiche im ersten Szenario umzustellen.
Im dritten Szenario weichen die Antworten zwischen den Ländern
stärker voneinander ab. So stimmen 49 Prozent der Befragten in
Deutschland zu, den großen Mann von der Fußgängerbrücke zu stoßen, in
Vietnam sind es hingegen 66 Prozent, in China nur 32 Prozent.
Im Vergleich mit anderen bereits erforschten Eigenarten in den
Ländern fand das Team einen auffälligen Zusammenhang: In Ländern, in
denen es schwierig ist, außerhalb von traditionellen sozialen Gebilden,
wie Familie oder Beruf, neue Beziehungen zu knüpfen, ist auch die
Bereitschaft einen Menschen zu opfern geringer. Die Wissenschaftler
vermuten, dass Menschen davor zurückschrecken, kontroverse und
unpopuläre Entscheidungen zu treffen, wenn sie Angst haben, ihre
aktuellen Beziehungen zu verlieren.
„Die Menschen befürchten möglicherweise, dass sie als ‚Monster‘
wahrgenommen werden könnten, wenn sie bereit sind, das Leben eines
Menschen für das Allgemeinwohl zu opfern.“ sagt Iyad Rahwan. Es sei noch
zu früh, um einen klaren, kausalen Zusammenhang zwischen den
kulturspezifischen, moralischen Entscheidungen der Menschen und der
Leichtigkeit, mit der sie neue Beziehungen eingehen können,
herzustellen. „Es gibt jedoch vermehrt Anzeichen dafür, dass die Art und
Weise, wie das persönliche Ansehen in einer bestimmten Kultur gepflegt
wird, die moralischen Intuitionen der Menschen aus dieser Kultur
beeinflussen kann.“